Buchtipp: Was zählt? Was ist wertvoll und nach welchen Maßstäben?
Freitag, 29. November 2013

Buch David Stark

David Stark,
The Sense of Dissonance. Accounts of Worth in Economic Life
Princeton University Press; 2009, 245 Seiten

Dieses Werk verdient, dass man sich länger damit beschäftigt als einen verregneten Sonntag Nachmittag. Zum einen liegt das an der Dichte des Geschriebenen – David Stark, ein Wirtschaftssoziologe an der Columbia Universität, hat keine Scheu den Leser in abstrakte Höhen zu führen, auch wenn er immer wieder Orientierung an konkreten Beispielen liefert. Und zum zweiten sind seine Ausführungen von großer Tragweite und Tiefe für moderne Organisationen.

Es geht um die Frage: „Was zählt? Was ist wertvoll und nach welchen Maßstäben?“.

Diese Frage beschäftigt jeden von uns in allen Lebensbereichen und unzähligen Entscheidungen. Auch Organisationen müssen laufend nach Antworten darauf suchen. Welche neuen Produkte sollen wir auf den Markt bringen? Welche neuen Technologien oder Prozesse sollen wir betreiben? Was erweist sich als wertvoll, was führt in eine kostspielige Sackgasse? Unternehmen betreiben bei dieser Suche einigen Aufwand, um auf diese Fragen eindeutige Antworten finden zu können. Denn eine uneindeutige Bewertungslogik ist beunruhigend und verwirrend.

An dieser Stelle setzt Stark an und vertritt die Sicht, gerade unterschiedliche Bewertungslogiken wären nützlich für viele Firmen – vor allem dann, wenn sie Innovationen fördern wollen oder einen Wandel zu bewältigen haben. Denn für solche Situationen, meint er, sei gerade diese Verunsicherung höchst produktiv. Dissonanz – Uneinigkeit über die Prinzipien der Bewertung – kann zu Entwicklungen mit Tragweite führen.

Um solch einen organisatorisch förderlichen Rahmen für Innovation zu untersuchen, hat David Stark in akribischer Feldarbeit drei Firmen untersucht, die radikalen Wandel zu bewältigen hatten.

Im ersten Fall beschreibt der Autor hervorragend recherchiert, wie ungarische Werkzeugmacher eines Unternehmens in Staatsbesitz Mitte der 1980er Jahre in ein kapitalistisches Experiment verwickelt wurden. Ihnen wurde erlaubt, in ihrer freien Zeit die Maschinen zu verwenden, um als Subunternehmer der eigenen Firma selbständig zu arbeiten. Sie arbeiteten also ein paar Stunden als Angestellte (folgten sozialistischen Spielregeln) und machten danach haargenau den gleichen Job als selbständige Unternehmer (auf kapitalistische Weise), wo sie sich noch dazu untereinander die Aufteilung ihres „Umsatzes“ ausverhandeln mussten.

Noch deutlicher wird seine Idee, wenn uns David Stark in der zweiten Fallbeschreibung mit einem New Media Jungunternehmen bekannt macht, das während des Internet Booms der späten 1990er Jahre in Manhattan erfolgreich wurde. Die Firma wuchs in kurzer Zeit immens aufgrund der starken Nachfrage nach Internetseiten. Um die Arbeit zu bewältigen, arbeiteten in Projektgruppen Business-Strategen, Designer, Programmierer und Informations-Architekten mit Spezialisten auf Kundenseite zusammen. Während die Zusammensetzung also höchst unterschiedliche Blickwinkel umfasste, musste im Laufe der Arbeit erst entwickelt werden, wie Arbeit und Verantwortung zwischen Kunden und Unternehmer aufgeteilt werden soll – wo also hier die Grenzen gezogen werden sollten. Außerdem wusste damals noch niemand, was denn überhaupt erfolgreiche Internetauftritte seien. Das junge Unternehmen war also laufend mit Innovations- und Suchprozessen beschäftigt, bei denen man gar nicht wusste, wonach man suchte, ehe man es fand. Eine dafür passende Organisationsform ist die Heterarchie.

Das Buch und damit die Idee der Heterarchie wird unter Soziologen sehr gerühmt und bekommt derzeit unter den systemisch geschulten Organisationsberatern eine Menge an Aufmerksamkeit. Für den theoretisch interessierten Berater stellt Heterarchie einen höchst vielversprechenden Ansatz vor, wie Unternehmen in volatilen und bewegten Zeiten von Unsicherheit profitieren könnten. Dies und eine Menge mehr Ideen wird man aus diesem Buch herausfischen können, lässt man sich darauf ein. Eine reiche Entdeckungsreise für organisations-theoretisch interessierte Leser – das kann man versprechen, und das ist schon sehr viel.

Über Guido Czeija

Guido Czeija gehört seit 2006 zum Team der KOMUNARIKO, seit 2008 auch als Gesellschafter. Czeija studierte Mathematik und Physik in Wien und Berlin, u.a. bei Prof. Zeilinger. Er ist ausgebildeter Gruppendynamiker (ÖGGO) und Kommunikationstrainer (EAK) und beschäftigt sich mit Konfliktmanagement, Team- und Organisationsentwicklung. Besonders interessieren ihn Kooperationen zwischen Unternehmen und in Netzwerken.


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