Wem gehorcht das Ich?
Montag, 28. September 2015

So absurd einem die Frage vorkommt, so überraschend sind die Antworten. Danielle Bidasio beschäftigt sich damit, inwieweit wir bei unseren Entscheidungen von unserem bewussten ICH, unseren eigenen Werten geleitet oder von fremden Werten beeinflusst werden.

Manchmal werden wir von „Introjekten“ gelenkt, das bedeutet, dass wir fremde Werte oder Ziele für die eigenen halten. Der Ausdruck „Introjektion“  ist aus Psychoanalyse und Gestalttherapie bekannt,  in Zusammenhang mit Kindern, die sich die Werte der Eltern einverleiben. Hier ist die Rede von Erwachsenen, z.B. von MitarbeiterInnen, die die Wünsche ihrer Chefs für die eigenen halten.

Der Motivationspsychologe Prof. Julius Kuhl (Osnabrück), bereits vor einigen Jahren Gastreferent bei KOMUNARIKO, stellt die Frage so: Gibt es das ICH als Empfänger fremder Werte in der linken Hemisphäre unseres Gehirns und das eigentliche SELBST als Hüter eigener Bedürfnisse und Werte in der rechten Hemisphäre?

Wie immer bei Kuhl ist sein Feuerwerk an Gedanken mit Messungen unterlegt.

Mit folgender Versuchsanordnung wurde an der Universität Osnabrück die Anfälligkeit für die Übernahme fremder Werte gemessen:

1)     Wählen Sie 9 Tätigkeiten (aus einer Liste von 27 Tätigkeiten), die Sie ausprobieren wollen.

2)     Jetzt werden 9 Tätigkeiten in der Liste markiert, an denen der Chef interessiert ist.

3)     Nach 20 Minuten werden die Probanden aufgefordert: Kreuzen Sie die Tätigkeiten an, die Sie SELBST gewählt hatten.

Befund: Personen, die negativen Affekt nicht gut herunterregulieren können – er nennt sie auch Lageorientierte oder Grübler – halten unter Stress fremde Wünsche und Aufträge für selbstgewählt.

In bildgebenden Verfahren konnte man Aktivität in der linken Hemisphäre beobachten, wenn fremde Wünsche und Aufträge für die eigenen gehalten werden und eine Aktivität  in der rechten Hemisphäre bei „Selbst“ gewählten Wünschen.

Interessant:  Wer gehäuft Fremdes für Eigenes hält, hat mehr psychosomatische Erkrankungen und eine höhere Infektanfälligkeit.

Wie unterschiedlich wir aus dem ICH und aus dem SELBST heraus agieren, konnten die Teilnehmenden bei einer KOMUNARIKO-Weiterbildung mit Nicole Bruggmann (Schweiz) im heurigen Sommer erleben. Jeder musste zunächst aus einer Liste von 25 Werten, die 3 wichtigsten für sich auswählen.  Dann bekam jeder 250 Franken Monopoly-Geld und nun konnte man seine Werte bei einer Auktion ersteigern. Die Reihenfolge, in der die Werte dargeboten wurden, war beliebig.

Nur die wenigsten von uns haben ihre zuerst gewählten Werte auch tatsächlich ersteigert. Warum?

Listen bearbeiten ist linkshemisphärisch, also Aufgabe vom ICH, die mit Verstand und Logik gelöst wird. Beim 2. Durchgang ging es drum: Was bin ich bereit, dafür zu zahlen?  Wieviel Wert ist mir der Wert?  Und die Wertigkeit ändert sich, wenn das SELBST, also die rechte Hemisphäre involviert ist.

Fazit: Auf das ICH allein können wir uns nicht verlassen. Ganz ohne Abgleich mit dem SELBST und den Gefühlen riskieren wir,  fremde Ziele für die eigenen zu halten oder uns in Gedanken etwas vorzumachen, was im Handeln dann nicht hält. Für selbstkongruente Entscheidungen ist ein Abgleich zwischen ICH und SELBST empfehlenswert.

Über Danielle Bidasio

Die gebürtige Luxemburgerin kam zum Psychologiestudium nach Salzburg. Schon in dieser Zeit beschäftigte sie die Frage „Was motiviert Menschen?“ .Seither begleitet sie dieses Thema - als Mitarbeiterin, interne Beraterin und Führungskraft in Social Profit Organisationen und seit 2009 als selbstständige Beraterin bei KOMUNARIKO. Die systemische Psychotherapeutin hat sich strategische und wirtschaftliche Kompetenz beim General Management Studium an der Uni Salzburg und beim Controller-Diplom für NPO am ÖCI in Wien angeeignet. In ihrer langjährigen Arbeit als Personalleiterin eines 600-Personen-Unternehmens beschäftigte sie sich mit den Zusammenhängen von Arbeit, Führung und Motivation; Gesundheit, Stress und Lebensphasen. Ihre praktischen Erfahrungen aus dieser Arbeit und ihr Know-how in diesem Feld (HR-Management, betriebliche Gesundheitsförderung, Arbeitsbewältigungscoaching, Selbstmanagement mit dem Zürcher Ressourcen Modell) bringt sie als Partnerin bei KOMUNARIKO ein. Ihre derzeitigen Arbeitsschwerpunkte: • Gestaltung von Personalentwicklungsprogrammen und –prozessen • Gesundes Arbeiten und Generationenmanagement • Coaching


Was Sie sonst noch interessieren könnte.

INHALTE: Kundenorientierte Haltung mit dem Zürcher Ressourcenmodell (ZRM) entwickeln


Kommentar Schreiben

Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können.